Mittwoch, 11. Februar 2015

Sollten wir Gemüse aus Spanien kaufen?

Eigentlich müsste ich mittlerweile "Experte für Gemüseanbau" auf meine Visitenkarte schreiben. Denn nach Deutschland und den Niederlanden ging es nun in die nächste Hochburg des Gemüseanbaus. Ich rede von Spanien, genauer gesagt der Region rund um Almería. Aus dem Flugzeug sah ich dann auch sofort die Gewächshäuser. Eng an eng und so weit das Auge reicht: Ein Plastikmeer. Beeindruckend, aber auch etwas beängstigend.

Gemüse aus Spanien

Aber zurück zum Gemüse. Bereits in meinem Artikel über den Gemüseanbau in den Niederlanden habe ich über die Auswirkungen der EHEC-Krise geschrieben. Die beschriebenen Auswirkungen betrafen den gesamten europäischen Markt. Somit erlitt auch die Obst- und Gemüsewirtschaft in Spanien starke Verluste. Die Skepsis gegenüber der Qualität von Gemüse war einfach so unfassbar groß. Schließlich war man sich komplett unsicher, ob sich da nicht doch ein paar Pestizide, Keime oder andere schädliche Stoffe auf dem Gemüse tummeln. Wer weiß schon, was die da in Spanien so treiben? Durch die Kampagne "We care, you enjoy" versucht die europäische Union nun den Verkauf von Gemüse in der EU anzukurbeln und transparent zu zeigen, was die da in Spanien nun wirklich so treiben.
Auf jeden Fall eine super Sache - schließlich hat Gemüse aus den Niederlanden schon ein schlechtes Image, aber Gemüse aus Spanien? Das doch wohl erst recht. 

Aber fangen wir erst einmal bei Null an und fragen uns, warum eigentlich gerade im Süden Spaniens so viel Gemüse angebaut wird? Ich meine, warum wird in einem Gebiet Gemüse angebaut, in dem es quasi nie Regen gibt? Naja, die Antwort liegt eigentlich auf der Hand: Weil es quasi nie Regen gibt. In der wüstenartigen Region scheint so viel Sonne, dass die Tomaten und Gurken um die Wette wachsen können. Das Wasser bekommt man auch ohne Regen. Es gibt doch bestimmt irgendwo Flüsse oder Talspeeren? Ach und bestimmt noch mehr Grundwasser, was man über Brunnen abzapfen kann, oder nicht? Naja, es gibt zwar unterirdische Wasseradern, das Problem ist aber, man kann das Grundwasser eben nicht ohne Ende "abpumpen". Irgendwann ist da einfach Schicht im Schacht, wie bei allen Ressourcen ist auch diese Ressource nur endlich. Darum bin ich generell etwas kritisch gegenüber dem Gemüseanbau in Spanien eingestellt. 

Hummelzucht

Tomatenanbau

Als ich nun aber in einem Anbaubetrieb in Spanien stand, musste ich feststellen, dass hier nicht wahllos mit dem Gartenschlauch die Pflanzen bespritzt werden, sondern sehr gezielt und sehr sparsam mit einem Tröpfchensystem bewässert wird. Das Wasser, welches die Pflanze nicht aufnimmt, wird aufgefangen, gesäubert und recycelt, um damit die Pflanzen erneut zu bewässern. Das löst das Problem mit dem Grundwasser zwar nicht, aber es ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Abgesehen vom Wasserverbrauch war ich auch sehr positiv vom hohem Qualitätsstandard der Produktion überrascht. Genau wie in Deutschland oder den Niederlanden werden Hummeln für die Bestäubung und Nützlinge gegen die Schädlinge eingesetzt. Es wird also komplett auf Pestizide und andere Gifte verzichtet. Die Tomaten werden per Hand geerntet, in zentrale Lager transportiert und von dort aus verpackt und in die Welt verschickt. Bei dieser Produktion werden äußerst strenge Hygienestandards eingehalten. Also könnt ihr wirklich guten Gewissens in eine spanische Tomate hineinbeißen, da passiert dann gar nüschts. 

Tomatenfabrik

Tomaten

Allerdings müssen die Tomaten mit einer sehr hellroten Färbung geerntet werden, damit sie schön rot im deutschem Supermarkt liegen. Denn bis nach Deutschland braucht das Gemüse mindestens 3-4 Tage und kann in dieser Zeit noch etwas nachreifen. Trotzdem fehlt so natürlich etwas Aroma und ob ein Transport quer durch Europa ethisch vertretbar ist, ist noch einmal eine ganz andere Frage. 
Kommen wir aber wieder zu einem sehr positivem Punkt: In der Region fällt nicht gerade wenig organischer Abfall an und ein pfiffiger Mann kam daher auf die Idee, aus diesem Abfall hochwertigen Dünger zu machen. Also kaufte er sich ein paar äußerst leistungsstarke Würmer aus Kalifornien ein und ließ diese für sich arbeiten. Die Würmer fressen nun Tag ein, Tag aus, den Abfall und scheiden diesen als Dünger wieder aus. Allerdings dauert der Prozess von Anlieferung des Abfalls bis zum Dünger auch ca. 2 Jahre. Naja, man kennt das ja vielleicht aus dem eigenen Garten. Denn im Grunde, ist es nichts anderes als ein Komposthaufen in etwas größeren Dimensionen. Fand ich auf jeden Fall eine richtig dufte Sache und hoffentlich wird sich diese Idee durchsetzen und bald alle Gemüseanbauer nur noch solchen Dünger verwenden.

Kompost

So, nun kommt das große Fazit. Wie sieht es denn nun aus, sollten wir Gemüse aus Spanien kaufen oder besser doch nicht?
Wir können festhalten, dass sich der Slogan "We care, you enjoy" auf jeden Fall erfüllt. An der Qualität des Gemüses ist nichts auszusetzen. Die Gemüseanbauer vor Ort sind mit Leidenschaft dabei und sie legen sehr großen Wert auf eine "saubere" Arbeit, verzichten alle auf Pestizide, halten hohe Hygienestandards ein und manche nutzen darüber hinaus sogar "Ökodünger". Es ist also nahezu Bio, was dort angebaut wird. Darum muss auch niemand Angst vor Keimen oder krankheitsauslösenden Stoffen haben, die einen anspringen könnten. 
Ethisch gesehen ist es aber schon schwieriger die Titelfrage zu beantworten. Lange Transportwege und Anbau in einer Wüstengegend? Muss das wirklich sein? Auf der anderen Seite leben diese Menschen von ihrer Arbeit und sind auf den Verkauf von Gemüse in die ganze Welt angewiesen.
Es ist also schwierig ein klares "Ja!" oder ein klares "Nein!" unter diesen Artikel zu setzen. Am Ende muss es dann doch jeder für sich selbst entscheiden. Aber ich finde, bevor man zu Tomaten aus Marokko greift und in Deutschland gerade keine Tomatensaison ist, kann man auch ruhig einmal zu Tomaten aus Spanien greifen, oder wie seht ihr das?

Kommentare:

  1. Ich wohne ja in Andalusien und kaufe (fast) keine Tomaten ausserhalb der Saison, die ist hier nämlich auch im Sommer und nicht im Winter. Für Saucen greif ich im Winter zu eingemachten Tomaten.

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  2. Mikrobiologie zu spannen erschließt sich mir nicht. Das sind meiner Meinung nach zwei verschiedene paar Schuhe.

    Und ich kaufe da lieber deutsche Gewächshaustomaten außerhalb der Freilandsaison oder greife auf die Dose zurück.

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  3. Was genau meinst du mit Mikrobiologie? Die Sache mit dem Kompost?

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  4. Spannender Artikel, vielen Dank für den Einblick! Ich war schon öfter in Südspanien und auch immer wieder geschockt von den endlos scheinenden Gewächshäusern, wenn man übers Land fährt... Da hat man direkt eine negative Einstellung dazu und malt sich alles Mögliche aus. Aber schön, dass dort auch nachhaltig gearbeitet wird.

    Wie bist du denn zu der Tour durch die Gewächshäuser gekommen, wenn ich fragen darf? Und ist das, was du geschrieben hast, dann für alle Produzenten repräsentativ?

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    1. Dankeschön! Jaa.. diese unendliche Weite an Gewächshäusern ist einfach so bedrückend!

      Zu der Reise wurde ich eingeladen, eines Tages kam eine Mail in mein Postfach geflattert - weiß aber nicht, was mich für diese Reise qualifiziert hat. Ich weiß natürlich nicht sicher, ob das für alle Produzenten repräsentativ ist, hatte mich da auch erkundigt und die begleitende Agentur meinte, dass sie schon so viele verschiedene Gewächshäuser und Unternehmen besucht haben - und es wäre tatsächlich überall so. Aber ich kann natürlich nur für die Unternehmen sprechen, die ich gesehen habe... :)

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  5. Ich finde es total super, dass du einen ganz ausgewogenen Artikel geschrieben hast und nicht nur eine der beiden aufgezeigt hast!
    Der Punkt mit der Wassernutzung hat mich ehrlich gesagt positiv überrascht, ich hätte nicht gedacht, dass doch so gut mit dem Wasser, inbesondere dem meist fossilen Grundwasser, umgegangen wird.
    Und klar ist auch, dass die Produktion für die dort lebensnotwendig ist.

    Es gibt bestimmt noch einiges zu dem Thema zu diskutieren, aber ich finde es toll, dass du berichtet hast, dass das dort ja doch ganz gut ist :-)
    Am besten sind trotzdem noch die eigenen Tomaten im Sommer ;-)

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    1. Freut mich sehr, dass dir mein Artikel gefällt! Es war wirklich nicht einfach, aber ich habe versucht möglichst objektiv zu schreiben. :)
      Ich stimme dir aber auf jeden Fall zu, gegen die eigenen Tomaten aus dem Garten kommt nichts an!

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  6. Hey Björn,

    an sich ein spannender Artikel und ich finde es auch gut, dass du um Objektivität bemüht bist. Das nehme ich dir auch wirklich ab- das vorneweg. :) Allerdings fehlt mir doch ein wichtiger Punkt. Ich bin mir sicher, dass euch das nicht gezeigt wurde, aber den Erntehelfern auf solchen Tomaten"plantagen" geht es wirklich dreckig. Hier zum Beispiel ein Artikel, der ist zwar von 2007, aber an der Problematik hat sich leider nichts geändert: http://www.spiegel.de/wirtschaft/migranten-in-spanien-wie-sklaven-unter-plastik-a-483849.html Für mich der ausschlaggebende Grund, lieber auf spanische Tomaten zu verzichten.

    Viele liebe Grüße
    Anne

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    1. Vielen Dank für den Hinweis, dieser Aspekt war mir ehrlich gesagt gar nicht so klar und dieser spannende Bericht ist wirklich erschütternd. Allerdings macht mich etwas skeptisch, dass der Artikel von 2007 ist und auch besonders die Verwendung von Pestiziden ohne Schutzkleidung verurteilt wird, was 2015 ja auf jeden Fall nicht mehr möglich ist. Wenn ich nach dem subjektivem Einblick gehe, den ich vor Ort bekommen habe, kann ich mir auch einfach nicht vorstellen, dass diese strengen Kontrollen durch die EU sich nur auf die ökologischen Standards beziehen. Zumal die Region alles versucht, um nicht wieder so etwas zu erleben wie zur Zeit der EHEC-Krise. Ich habe dazu auch einen äußerst ausführlichen Bericht von Petra gefunden, die 2014 vor Ort war und sogar direkt nach den Löhnen gefragt hat: http://www.foodfreak.de/2014/02/die-gruene-revolution-von-almera/
      Aber auch hier weiß man natürlich nie, ob wir nur Vorzeigebetriebe zu sehen bekommen haben oder eben nicht...

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  7. Wenn du tatsächlich denkst, dass die Verwendung von Pestiziden ohne Schutzkleidung nicht mehr möglich ist liegst du leider falsch. Obst und Gemüse aus Spanien ist so gut wie immer das günstigste im Regal, wenn man sich ein bbisschen erkundigt weiß man auch weshalb:
    http://www.n-tv.de/politik/Willkommen-in-der-vierten-Welt-article12635371.html
    https://www.youtube.com/watch?v=OHFx6zzKc0Q

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    1. Vielen Dank für deinen Kommentar, aber deinen ersten Satz verstehe ich ehrlich gesagt nicht so richtig. Ich kann mich generell auch bei dir nur auf meinen vorherigen Kommentar beziehen und sagen, dass ich glaube, dass in Spanien wie auch in den Niederlanden oder in Deutschland beim Tomatenanbau auf Pestizide verzichtet wird. Daher müssen die Mitarbeiter auch keine Schutzanzüge tragen – nachweisen kann ich dies aber natürlich nicht. Grundsätzlich würde ich aber auch immer Obst und Gemüse aus Deutschland vorziehen. Dies habe ich ja auch bereits deutlich gemacht! :-)

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